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itw Nature Politics

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Könntet ihr uns euren Alltag auf Rabbit Island (Lake Michigan) beschreiben?

Mirko Winkel und Martin Schick: Die unbewohnte Insel Rabbit Island erreicht man per Boot. Andrew, unser Host, blieb für eine Nacht und fuhr dann zurück ans Land. Ohne uns, aber MIT dem Boot. Proviant hatten wir dabei für 3 Wochen, dazu kam Fisch von einem vorbeifahrenden Fischer. Da wir weder in der Lage sind Fische zu töten, noch nordamerikanische Speisepilze zu identifizieren, mussten wir mit unseren begrenzten kulinarischen Ressourcen sorgsam umgehen. Dabei war das Zubereiten und Verzehren von Essen fast die einzige Möglichkeit, sich in der Herbstluft warm zu halten. Fast. Wäre da nicht eine Sauna. Die hat unsere Arbeit beeinflusst, kann man sagen. ‚Leave no trace’ ist auf einem Schild geschrieben am Eingang der Insel. Immer mehr wurde uns bewusst, dass es fast unmöglich ist, keine Spuren zu hinterlassen, sei es durch Kompost, Plumpsklo und Müllentsorgung... aber auch beim durch die Wälder streifen. So haben wir damit aufgehört.

Hat sich der Mensch Ihrer Meinung nach zu sehr über die Natur gestellt? Wenn ja, warum? Auf welche Weise?
Mit dieser Art zu Denken bedient man sich möglicherweise eines überholten Naturbegriffs. Wie wäre es mit dem Begriff der »Zweiten Natur« oder »Natur 2.«, die vom Menschen gemachte Natur. Hier ist die Grenze zwischen uns Menschen und der Natur bereits zusammengebrochen. Die Idee von Natur 2. sieht den Menschen als Teil der Natur – und es entstehen Fragen zur Rechtslage, Verantwortung und zur politischen Handlungsfähigkeit. Damit wird die allgemeine Logik von der Abgrenzung zur Natur, die wir in unserem westlichen Kulturbereich entwickelt haben, extrem herausgefordert.

Indem man der Natur eine Stimme gibt, zielt die Performance darauf ab, das Aufmerksamkeit zu wecken? Wenn ja, auf was möchtet ihr uns sensibilisieren?
Wir versuchen, die Natur nicht zu vermenschlichen. Aber man kann als Mensch so schwer über das Menschliche hinausdenken. Dieser Widerspruch war immer mit dabei. Es geht vielleicht eher darum, sich nicht als Einzige*r mit einer Stimme und einem Stimm-Recht zu verstehen. Alles andere bleibt zu erlernen. Selbst wenn wir es nicht schaffen, die Natur in unserem Verständnis sprechen zu lassen, kann es doch ein Weg sein, von einer menschlichen und männlichen Dominanz wegzukommen.

Was kann Kunst für die Natur tun? Ein anderes Verständnis dafür und ein anderes Verhältnis dazu aufbauen?
Selbst wenn der Natur Rechte eingeräumt werden, wäre ein Parlament nur ein menschlicher Akt. Wie können wir verhindern, dass dieser Handlungsansatz ausgenutzt wird?
Dafür gibt es keine fertigen Rezepte. Erst einmal geht es darum, die Selbstverständlichkeit unserer alltäglichen politischen Entscheidungen in Frage zu stellen. Im Studienfeld der »Critical Whiteness« beispielsweise fragt man sich, inwiefern Weisssein ein unsichtbarer Maßstab ist und also der Nicht-Weisse als Abweichung dasteht. Dasselbe kann man auf eine »Critical Humanity« anwenden.

Ist das Verhältnis zur Natur eine Frage der Macht?
Die Machtfrage ist natürlich immer mit dabei. Da müsste man ganz spezifisch fragen, wer und wo. Die Antwort steckt wohl bereits in der Frage.

Könntet ihr die Theorien von Bruno Latour vorstellen?
Das ist das, was das Stück eigentlich macht. So eine Art ‚Latour für Anfänger’. Wobei wir selbst auch Anfänger sind und den ganzen Vorgang von uns - abgestellt in der scheinbaren Wildnis - durchspielen, um die Zuschauer auf diese Reise in eine andere Denke mitzunehmen.

Können Sie uns mehr über Leave Nature Alone erzählen? Wie funktioniert diese Initiative?
Auch das wird im Stück erklärt. Es ist die Konsequenz einer Herangehensweise und alles Weitere bleibt offen. Momentan bleibt die Initiative weitgehend symbolisch und dient der Narration, aber es ist ein Anfang. Auch für uns.

Was ist Eure Herangehensweise an das diesjährige Thema, Impact, bzw. Wirkung?
Gerade unter diesem Motto - und diesem Anspruch, falls es das ist - ist es schwer, aus einer Vermeintlichkeit herauszukommen. Es macht umso mehr die Vermeintlichkeit zum Thema. Der versuchte Ausbruch hat immer auch etwas Rührendes. Da, wo man den Daumen draufhält, kann man nichts sehen.

Welche Wirkungen erhofft Ihr euch von diesem Projekt?
Ein Drittel aller Einnahmen geht an die Natur als die Mit-Autorin. Bereits mit der Nennung einer aussermenschlichen Entität, die da auftritt, gerät man an die Grenzen. Es ist ein Experiment, man begibt sich in eine Problematik und sucht einen Weg wieder hinaus. Wie in der Forschung. Der Erfolg ist das langsame Begreifen von Dingen. Irgendwann fängt man vielleicht an, auch bei anderen Projekten plötzlich die Natur und ihren möglichen Anspruch mitzudenken.